Reader DIE HUBERT
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Rehwildmarkierung in Baden-Württemberg

Rund 90 Prozent der Kitze werden in den ersten beiden Lebenswochen markiert, denn in diesem Alter drücken sie sich bei Gefahr noch ruhig auf den Boden.

Die Wildforschung mithilfe von einfachen Ohrmarken ist eine relativ alte Methode. So hat bereits 1904 der Allgemeine Deutsche Jagdschutzverein zur Wildmarkenforschung aufgerufen. Zwar hat diese Methode den großen Nachteil, dass meist nur Markierungs- und Fundort bekannt sind und die ganze Zeitspanne dazwischen sich mehr oder weniger der Betrachtung entzieht, dafür bietet sie den Vorteil, dass sie kostengünstig ist und auf großer Fläche eingesetzt werden kann. Diese Voraussetzungen ermöglichen, dass vergleichbare Daten über einen langen Zeitraum erhoben werden können. Die Ohrmarkenforschung hat sich jedoch nicht in dem Maße etabliert, wie es bei den Vögeln mit der Beringung erfolgt ist. Im Projekt Rehwildmarkierung in Baden-Württemberg wird schon seit mehr als 50 Jahren Rehwild gekennzeichnet. Inzwischen liegen uns über 17.750 Markierungen vor. Diese hohe Zahl an Markierungen kann nur durch die langjährige Unterstützung von vielen fleißigen Helfern erreicht werden. An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich für die Unterstützung des Projekts bedanken, sowohl bei den Markierern als auch bei denjenigen, die erlegte oder verendet aufgefundene markierte Rehe an die Wildforschungsstelle melden! Etwa 90 Prozent der Kitze werden in den ersten zwei Lebenswochen markiert. In diesem Alter drücken sie sich bei Gefahr ruhig auf den Boden und vertrauen ihrer Tarnung und Geruchlosigkeit. Später wird dieses Verhalten vom Fluchtreflex abgelöst und die Kitze laufen bei Gefahr erstaunlich flink davon.

Geschlechterverteilung
Die Verteilung auf die Geschlechter bei der Markierung zeigt einen leichten Überhang bei den Bockkitzen (37 %) gegenüber den Geißkitzen (34 %). Die restlichen 29 Prozent der Markierungen entfallen auf Kitze, bei denen das Geschlecht nicht bestimmt wurde. Die Zuverlässigkeit der Geschlechtsbestimmung ist sehr hoch. Lediglich bei drei Prozent der zurückgemeldeten Rehe weicht das bei der Markierung angegebene Geschlecht von der Angabe bei der Rückmeldung ab. Auffällig ist, dass doppelt so viel Geißkitze falsch angesprochen wurden wie Bockkitze. Das Geschlechterverhältnis bei den Rückmeldungen unterscheidet sich deutlich von dem der gemeldeten Markierungen. Während bei der Markierung das Geschlechterverhältnis 1 : 0,92 be- trägt (männlich : weiblich), ist der Anteil der Weiblichen bei den Rückmeldungen deutlich geringer. Das Geschlechterverhältnis beträgt hier nur 1 : 0,74. Spannend ist auch der Vergleich mit der Jagdstatistik. Hier werden nämlich nahezu gleich viel weibliche wie männliche Rehe gemeldet. Das Geschlechterverhältnis beträgt hier 1 : 0,97. Im Unterschied zur Jagdstatistik, wo das vor Beginn seiner Jagdzeit gefallene Jungwild nicht angerechnet werden darf, werden bei der Rehkitzmarkierung auch die Zahlen der von April bis August gefallenen Kitze erfasst. Bereinigt man die Daten der Rehwildmarkierung und entfernt die Abgänge der vor der Jagdzeit gefallenen Kitze, sinkt das Geschlechterverhältnis sogar auf 1 : 0,71, gleichzeitig fällt der Anteil der Kitze von 45 Prozent auf 30 Prozent, da Mähverluste und Fallwild in den ersten Lebensmonaten häufig sind.

Markierung und Jagdstatistik
Betrachtet man die Verteilung auf Kitze und adulten Rehe, so liegt der Anteil der Kitze etwas unter dem der Jagdstatistik. Der Unterschied ist aber nicht gravierend. Der etwas geringere Anteil kann leicht mit der gezielten Schonung der selbst markierten Kitze erklärt werden. Größere Abweichungen zwischen Markierung und Jagdstatistik gibt es jedoch bei Böcken und Geißen. Fast die Hälfte aller rückgemeldeten Rehe entfällt auf Böcke (Jährlinge und Ältere), bei der Jagdstatistik ist es nur ein Drittel. Der Anteil der Schmalrehe und Geißen an der Jagdstrecke beträgt fast ein Drittel, bei den Rückmeldungen der Rehwildmarkierung haben sie aber nur einen Anteil von 23 Prozent. Sowohl bei der Jagdstatistik, als auch bei der Rehwildmarkierung werden mehr Geißkitze als Bockkitze gemeldet. Die Bockkitze werden geschont um dafür später einen Trophäenträger ernten zu können. Nach den Rückmeldungen der Rehwildmarkierung überleben weniger als die Hälfte (47 %) der weiblichen Kitze das erste Jahr, nur ein Fünftel (20 %) wird älter als drei Jahre. Bei den Bockkitzen überleben 71 Prozent das erste Jahr und 27 Prozent werden älter als drei Jahre. Die Hälfte der weiblichen Rehe wird nicht älter als 252 Tage, bei den männlichen sind es dagegen 431 Tage. Die Abbildung zeigt die Rückmeldungen nach Geschlecht und Alter.

Weitere Daten
Von den insgesamt 17.756 Markierungen entfallen 6.580 auf Bockkitze, 6.056 auf Geißkitze und 5.120 sind ohne Geschlechtsbestimmung. Teilt man die unbestimmten Markierungen entsprechend des Anteils der Markierungen mit Geschlechtsbestimmung in 52 Prozent Bockkitze und 48 Prozent Geißkitze auf, so ergeben sich rechnerisch 9.246 markierte Bockkitze und 8.509 markierte Geißkitze. Diesen Daten stehen 3.457 auswertbare Rückmeldungen gegenüber. Für die männlichen Rehe ergibt sich eine Rückmeldequote von 21 Prozent, für die weiblichen Rehe 17 Prozent und über alle Rehe hinweg 19,5 Prozent. Das bedeutet, Markierer müssen im Mittel fünf Kitze markieren, bevor eines davon zurückgemeldet wird. Der Wert von 19,5 Prozent erscheint sehr niedrig, allerdings kann sich der Wert im Vergleich mit anderen Rehwildmarkierungsprojekten durchaus sehen lassen. In der Schweiz gibt es ein vergleichbares Projekt. Hier beträgt die Rückmeldequote über alle Rehe 17 Prozent.

Verluste bei Kitzen
Die Verluste bei Kitzen sind vermutlich relativ hoch. Neben ungünstiger Witterung und Mähverlusten können auch Beutegreifer deutlichen Einfluss nehmen. Allerdings sind diese Abgänge allenfalls mit aufwändigen Methoden systematisch erfassbar. Dies führt dazu, dass die Rückmeldungen die tatsächlichen Todesursachen falsch wiedergeben. Erlegungen werden hier überrepräsentiert, während vermähte und verendete Rehe aufgrund der geringeren Auffindewahrscheinlichkeit unterrepräsentiert sind. Dies gilt auch für die Daten der Jagdstatistik, zumal hier bereits durch die gesetzlichen Vorgaben die frühen Jungtierverluste gar nicht erfasst werden (§ 35 JWMG, Abs. 6). In der Tabelle sind die Anteile der gemeldeten Todesursachen wiedergegeben.

Rehwild und Klima
In einem gemeinsamen Projekt mit dem Institut für Zoologie und Wildtierkunde Berlin wurden die Daten der Rehwildmarkierung im Hinblick auf die Anpassungsfähigkeit des Rehwildes an die Klimaerwärmung untersucht. Dr. R. Hagen konnte anhand der Daten zeigen, dass sich beim Rehwild der mittlere Setzzeitpunkt in Baden-Württemberg seit 1972 um circa eine Woche nach vorne verschoben hat. Für eine Tierart, bei der circa 80 – 90 Prozent aller Kitze innerhalb von vier Wochen geboren werden, ist solch eine Verschiebung ein deutlicher Indikator für eine Anpassung. Ein großer Anteil der zwischenjährlichen Variation des Setzzeitpunktes eines Jahres kann durch die Pflanzenphänologie des jeweiligen Vorjahres erklärt werden (Temperatur und Niederschlag standen dabei in keinem statistisch abgesicherten Zusammenhang mit dem Setzzeitpunkt). Auf Grundlage dieses Ergebnisses ist es naheliegend, dass die Trends in der Phänologie des Rehs (früherer Setzzeitpunkt) und der Forsythie (frühere Blühte) zu einem gewissen Anteil auf die gleiche Ursache zurückzuführen sind: den Anstieg der Temperatur.

Um belastbarere Aussagen für die Anpassungsfähigkeit des Rehs im Flachland und eher submontan geprägte Regionen gewinnen zu können, sollte die Rehkitzmarkierung in diesen Bereichen (< 250 m, ≥ 750 m) intensiviert werden (R. HAGEN, S. ORTMANN, A. ELLIGER, J. ARNOLD 2021). In einer separaten Veröffentlichung, soll dieses Ergebnis noch ausführlicher vorgestellt werden. An dieser Stelle möchte ich alle Jäger bitten, das Projekt Rehwildmarkierung aktiv zu unterstützen. Gerade die Rückmeldungen stellen einen wichtigen Beitrag dar und erfordern nicht viel Aufwand. Auf der Homepage der Wildforschungsstelle finden Sie ein Formular für die Rückmeldung. Sie können das markierte Reh aber auch gerne per E-Mail (poststelle-wfs@lazbw.bwl.de) oder telefonisch (07525 942-340) melden.

Text: Andreas Elliger
Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg
www.lazbw.de/wfs

Hinweis für Markierer
In den Jahren 2022 und 2023 bitte blaue Marken verwenden. Entsprechend des Markierungsschemas ist die Marke 2022 in den rechten Lauscher zu setzen. Bitte nehmen Sie frühzeitig Kontakt mit uns auf, damit wir ausreichend Zeit für den Versand haben. Wir wünschen allen Markierern und Kitzrettern viel Erfolg!

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